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Umkehr

Jetzt musste ich binnen acht Tagen schon zum zweiten Mal eine Skitour abbrechen und umkehren. Das erste Mal war es ein Schneesturm und steigende Lawinengefahr, die zur Umkehr mahnten, jetzt war es Nebel. Keine Sicht, keine Kontur und dann auch noch alleine unterwegs – da siegte die Vernunft. Ich zog die Felle von den Skiern und hatte eine genussvolle Abfahrt.
Umkehr – das ist auch das Thema der Fastenzeit, die kurz nach meiner ersten Umkehr begonnen hat. Ich meine, es geht da nicht so sehr um Verzicht, auch wenn ich jetzt schon viele Leute wieder reden höre, was sie alles nicht mehr essen und trinken. Umkehr heißt im Griechischen Metanoia – und das meint „den Sinn ändern“.
Ich habe bei beiden Skitouren meinen Sinn geändert, das ursprüngliche Ziel aufgegeben, darauf auch verzichtet, dann aber einen anderen Blick, eine neue Perspektive eingenommen, die in erster Linie etwas mit dem Heilsein meines Lebens zu tun hatte. Ich bin jeweils gut im Tal angekommen und hatte in den Tiefschneehängen einen großen Genuss.

The inner cave

Im Frankfurter Städel hängt dieses Bild von Olafur Eliasson. Es trägt den Titel: The inner cave – 36 parts. Ich habe mich vor dieses Kunstwerk gestellt und es fotografiert, einfach mit meinem Smartphone, ohne jede Bearbeitung und Optimierung. Erst dachte ich, na ja, nicht gerade gelungen. Auf den zweiten Blick entdeckte ich mich mitten im Bild. Da stehe ich im Bild mit all meinen Persönlichkeitsanteilen, schaue in meine innere Höhle. Und ich verstehe dieses Bild und mich viel besser, seit ich eine Fortbildung besucht habe, bei der es um innere Persönlichkeitsanteile ging, the inner familiy system nach Richard Schwartz. Es ist für mich richtig spannend, meine Persönlichkeit mehr und mehr zu entdecken, auf Forschungsreise in mein Selbst zu gehen und dann, immer wieder, manchmal vielleicht nur für einen kurzen Moment, wahrzunehmen, wer ich in meinem Kern wirklich bin. Dann stehe ich mitten im Bild, in dem von Eliasson und noch vielmehr in meinem ganz eigenen.

Erster Schnee

Wenn im Allgäu im November der erste Schnee fällt, ist das für mich immer wie eine große Verheißung. Die erste Schneedecke verzaubert die Landschaft und mich gleich mit. Die Stille und Ruhe des fallenden Schnees, die Frische kalter Nächte, die gleitende Bewegung  im Schnee, die blauen Stunden – da kommt eine Sehnsucht nach Einsseins und Selbstsein zu Wort. Auch dafür ist der erste Schnee Verheißung.

zeitvergessen

Zeitvergessen zu sein erlebe ich als sehr entspannten Zustand, leider auch als eher seltenen Zustand. Ich wurde einmal gefragt, wann und bei was ich einfach die Zeit vergessen könne. Ich musste nicht lange überlegen: Beim Orgelspielen. Ja, da kann es vorkommen, dass ich völlig das Zeitgefühl verliere und gar nicht merke, dass ich schon seit über einer Stunde an der Orgel sitze. Es sind dies Momente, in denen ich mich eins fühle mit mir. Da verschmelzen der Raum und der Klang mit mir und plötzlich ist die Zeit vergessen. Es sind wunderbare Momente.
Für die Frage, wann und wo ich die Zeit vergesse, bin ich sehr dankbar. Sie hat in mir die Erinnerung ans Orgelspielen wachgerufen. Die Sehnsucht nach diesen zeitvergessenen Augenblicken motvierte mich, nach jahrelanger Pause mich diesem Instrument wieder intensiver zu widmen. Und ich genieße es, zeitvergessen an der Orgel zu sitzen.

„Kommat, kommat“ – oder die Stimme des Hirten

Neulich beim Abstieg vom Grünten hörte ich den Alpbauern lauft rufen „Kommat, kommat“. Immer wieder ertönte dieses „Kommat“. Wer sollte wohl kommen? Ich war gespannt. Die Spannung schlug in Freude und Faszination um, als ich aus mehreren Winkeln einer Bergweide Kühe mit ihren Kälbern im Galopp herbeirennen sah. Sie hatten den Bauern wohl verstanden.
Mir kam da spontan die Bibelstelle aus dem Johannesevangelium in den Sinn, in der es heißt, dass die „Schafe“ auf Jesu Stimme hören. Beim Blick auf die Bergweide wurde mir klar, was dieses „hören“ heißt. Es geht nicht um einen blinden Gehorsam, sondern um ein Vetrauen. Die Stimme des Bauern war den Kühen vertraut und im Galopp rannten sie ihm entgegen.

Griaß di, Hoi, Servus

Die Sache mit dem Grüßen ist ja nicht so einfach. Die regionalen Verschiedenheiten erschweren dies deutlich – zumindest im Bereich des Verstehens. Ein akkurates „Guten Tag“ mag der Allgäuer gerade noch verstehen (auch wenn er das gar nicht gerne hört), der Tiroler muss schon zwei Mal hinhören. Drei Mal musste ich hinhören, als in einer Bar in St. Anton (Arlberg) ein Amerikaner „pfiat enk“ zum Abschied sagte, das kaum noch als „Behüte euch Gott“ verständlich war. Aber immerhin, gegrüßt hat er und sich den regionalsprachlichen Gepflogenheiten angepasst, also integriert. Als ich am gleichen Tag von der Leutkircher Hütte wieder nach St. Anton abstieg, begegnete ich mehreren Wanderern, die den Gruß gar nicht mehr erwiderten. Schade eigentlich – kein Blick, kein Wort, einfach aneinander vorbeigehen. Vielleicht haben sie mein „Griaß Gott“ auch einfach nicht verstanden.

Ausmisten

Jetzt hat es der Aktenvernichter nicht mehr gepackt – zu groß war ihm wohl die Menge an Papier, mit der ich ihn fütterte. Ich hab mich ans Ausmisten gemacht. Seit Wochen, ja Monaten beklemmen mich die verschiedenen Stapel auf dem Boden des Arbeitszimmers. Noch mehr, sie beginnen, mich zu lähmen. Also nutzte ich die Gunst der Stunde und habe fünf Stunden lang Papiere durchgeschaut, sortiert, an der richtigen Stelle abgelegt und ganz viele Blätter entsorgt. Der Blick auf den Schreibtisch ist befreiend – und genau eine solche Freiheit spüre ich jetzt in mir. Ausmisten ist wie Ballastabwerfen, im Außen wie im Innen.

Vom Locken

Da saß sie unter dem Auto – eine noch junge, getigerte Katze. Sie schaute mich neugierig an. Mit einem lockenden „pspsps“ machte ich auf mich aufmerksam. Von Erfolg war dieses Locken leider nicht gekrönt, die Katze blieb unter dem Auto und ich ging weiter. In anderen Fällen war ich da schon erfolgreicher.
Mir wurde dabei bewusst, dass das Locken zu verschwinden droht. Forderungen und Befehlen begegne ich viel häufiger als dem einfühlsamen Locken. Aufforderungen und Befehle wollen Macht über einen anderen gewinnen, das Locken sucht eine gewaltfreie Resonanz auf Augenhöhe, die dem anderen sagt: Du, ich habe Interesse an dir.
Nach Charles Hartshorne hat das Locken eine theologische Qualität. Gott lockt den Menschen zu einem Leben in Harmonie.
Ich wünschte, wir würden das Locken wieder lernen. Es lässt Freiheit und öffnet Wege zueinander.

Ressourcen

In einer kleinen Gasse in der Freiburger Innenstadt las ich in einem Schaufenster auf einem kleinen Schild den Spruch: Nimm Dir Zeit für Dinge, die Dich glücklich machen.

Schöner Spruch dachte ich mir und hab ihn mir gemerkt. Ein Tag später wurde der Spruch zum Thema: Was sind Deine Ressourcen?
Und tatsächlich ist das auf die Schnelle nicht so klar: Woraus schöpfe ich, was macht mich glücklich.
Bei einem Spaziergang zur Waldgaststätte St. Valentin im Günterstal bin ich diesen Quellen auf die Spur gekommen. Jetzt gilt´s, diese Spuren im hektischen Alltag nicht aus dem Blick zu verlieren.