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Perspektivenwechsel

Manchmal kann man mit seinen Sichtweisen ganz schön eingefahren sein. Der Blick auf den eigenen Lebensalltag ist einem ja auch nur allzu vertraut. Ich sehe meine Stadt, meine Arbeit, meine Mitmenschen und mich ja immer aus derselben Perspektive – bei mir aus einer Augenhöhe von circa 165 Zentimetern. Eine Fahrt mit dem Riesenrad auf einem der Herbstmärkte bietet sich da an, um einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Was aus 165 Zentimeter Höhe riesengroß ist, ist aus 35 Metern Höhe zwar nicht verschwunden, aber durchaus in einer anderen Relation zu mir. Wenn es mir gelingt, Sichtweisen zu verändern, durch größeren Abstand, genaueres Hinsehen oder auch durch besseres Verstehen, dann kann sich auch der Blick auf den eigenen Lebensalltag wandeln. Dann wären die 5 Euro für das Riesenrad gut investiertes Geld.

Sonnenuntergang

Sonnenuntergänge faszinieren wohl nicht nur mich. Sei es am Bodensee, in den Alpen, am Meer, überalle treffe ich auf Menschen, die sich vom Sonnenuntergang in Bewunderung versetzen lassen. Die einen richten ihre Kameras auf das Naturschauspiel, andere betrachten es ganz still.
Eine neue, genussvolle Qualität des Erlebens habe ich in Namibia kennengelernt. Seitdem ist der Sonnenuntergang für mich nicht nur ein zauberhaftes Ereignis im Tagesverlauf, sondern auch eine Zeit zum Innehalten, zum Genießen und zum Zusammensein, ein Moment, in dem etwas Stille einkehrt, an dem ich wohlwollend auf den Tag zurückblicken kann. Und manchmal spüre ich genau dann etwas von Verbundenheit – mit der Schöpfung, mit anderen Menschen, mit mir, und dann und wann sogar Verbundenheit mit dem großen Ganzen.

Fertig haben

Giovanni Trappatoni, der Ex-Trainer des FC Bayern München, beendete mit „Ich habe fertig“ eine der legendärsten Sport-Presskonferenzen. Manchmal hätte ich auch ganz gerne fertig, könnte etwas als erledigt markieren und dann einfach Zeit für anderes haben.
Fertig haben heißt ja nicht fertig sein oder gar mit seinem Latein am Ende zu sein. In fertig haben schwingt für mich ein Stück Zufriedenheit mit: Ich habe etwas zu Ende gebracht, das kann jetzt weiterwirken, ich darf mich im Moment des „Fertig-Habens“ mal gemütlich zurücklehnen und den Augenblick auskosten.
Nur wenn etwas an sein Ende kommt, kann Neues entstehen.

Das war schon immer so

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Foto: Ansgar Krimmer

„Das war schon immer so“ – diesen Satz habe ich in meiner Berufslaufbahn als Pastoralreferent schon des öfteren gehört. Oder: Das hat es ja noch nie gegeben! Was Neues zu spielen heißt auch, gegen den Strom zu schwimmen. Oder: Sich in neue Räume vorzutasten. Solche Bewegung bringt Kreativität und Entwicklung. Das ist jedoch nur möglich, wenn ich in meinem Leben Veränderungen zulasse. Schöpfung hat genau damit zu tun – Wandel, damit Neues entstehen kann.

Umkehr

Jetzt musste ich binnen acht Tagen schon zum zweiten Mal eine Skitour abbrechen und umkehren. Das erste Mal war es ein Schneesturm und steigende Lawinengefahr, die zur Umkehr mahnten, jetzt war es Nebel. Keine Sicht, keine Kontur und dann auch noch alleine unterwegs – da siegte die Vernunft. Ich zog die Felle von den Skiern und hatte eine genussvolle Abfahrt.
Umkehr – das ist auch das Thema der Fastenzeit, die kurz nach meiner ersten Umkehr begonnen hat. Ich meine, es geht da nicht so sehr um Verzicht, auch wenn ich jetzt schon viele Leute wieder reden höre, was sie alles nicht mehr essen und trinken. Umkehr heißt im Griechischen Metanoia – und das meint „den Sinn ändern“.
Ich habe bei beiden Skitouren meinen Sinn geändert, das ursprüngliche Ziel aufgegeben, darauf auch verzichtet, dann aber einen anderen Blick, eine neue Perspektive eingenommen, die in erster Linie etwas mit dem Heilsein meines Lebens zu tun hatte. Ich bin jeweils gut im Tal angekommen und hatte in den Tiefschneehängen einen großen Genuss.

The inner cave

Im Frankfurter Städel hängt dieses Bild von Olafur Eliasson. Es trägt den Titel: The inner cave – 36 parts. Ich habe mich vor dieses Kunstwerk gestellt und es fotografiert, einfach mit meinem Smartphone, ohne jede Bearbeitung und Optimierung. Erst dachte ich, na ja, nicht gerade gelungen. Auf den zweiten Blick entdeckte ich mich mitten im Bild. Da stehe ich im Bild mit all meinen Persönlichkeitsanteilen, schaue in meine innere Höhle. Und ich verstehe dieses Bild und mich viel besser, seit ich eine Fortbildung besucht habe, bei der es um innere Persönlichkeitsanteile ging, the inner familiy system nach Richard Schwartz. Es ist für mich richtig spannend, meine Persönlichkeit mehr und mehr zu entdecken, auf Forschungsreise in mein Selbst zu gehen und dann, immer wieder, manchmal vielleicht nur für einen kurzen Moment, wahrzunehmen, wer ich in meinem Kern wirklich bin. Dann stehe ich mitten im Bild, in dem von Eliasson und noch vielmehr in meinem ganz eigenen.

Erster Schnee

Wenn im Allgäu im November der erste Schnee fällt, ist das für mich immer wie eine große Verheißung. Die erste Schneedecke verzaubert die Landschaft und mich gleich mit. Die Stille und Ruhe des fallenden Schnees, die Frische kalter Nächte, die gleitende Bewegung  im Schnee, die blauen Stunden – da kommt eine Sehnsucht nach Einsseins und Selbstsein zu Wort. Auch dafür ist der erste Schnee Verheißung.

zeitvergessen

Zeitvergessen zu sein erlebe ich als sehr entspannten Zustand, leider auch als eher seltenen Zustand. Ich wurde einmal gefragt, wann und bei was ich einfach die Zeit vergessen könne. Ich musste nicht lange überlegen: Beim Orgelspielen. Ja, da kann es vorkommen, dass ich völlig das Zeitgefühl verliere und gar nicht merke, dass ich schon seit über einer Stunde an der Orgel sitze. Es sind dies Momente, in denen ich mich eins fühle mit mir. Da verschmelzen der Raum und der Klang mit mir und plötzlich ist die Zeit vergessen. Es sind wunderbare Momente.
Für die Frage, wann und wo ich die Zeit vergesse, bin ich sehr dankbar. Sie hat in mir die Erinnerung ans Orgelspielen wachgerufen. Die Sehnsucht nach diesen zeitvergessenen Augenblicken motvierte mich, nach jahrelanger Pause mich diesem Instrument wieder intensiver zu widmen. Und ich genieße es, zeitvergessen an der Orgel zu sitzen.

„Kommat, kommat“ – oder die Stimme des Hirten

Neulich beim Abstieg vom Grünten hörte ich den Alpbauern lauft rufen „Kommat, kommat“. Immer wieder ertönte dieses „Kommat“. Wer sollte wohl kommen? Ich war gespannt. Die Spannung schlug in Freude und Faszination um, als ich aus mehreren Winkeln einer Bergweide Kühe mit ihren Kälbern im Galopp herbeirennen sah. Sie hatten den Bauern wohl verstanden.
Mir kam da spontan die Bibelstelle aus dem Johannesevangelium in den Sinn, in der es heißt, dass die „Schafe“ auf Jesu Stimme hören. Beim Blick auf die Bergweide wurde mir klar, was dieses „hören“ heißt. Es geht nicht um einen blinden Gehorsam, sondern um ein Vetrauen. Die Stimme des Bauern war den Kühen vertraut und im Galopp rannten sie ihm entgegen.

Griaß di, Hoi, Servus

Die Sache mit dem Grüßen ist ja nicht so einfach. Die regionalen Verschiedenheiten erschweren dies deutlich – zumindest im Bereich des Verstehens. Ein akkurates „Guten Tag“ mag der Allgäuer gerade noch verstehen (auch wenn er das gar nicht gerne hört), der Tiroler muss schon zwei Mal hinhören. Drei Mal musste ich hinhören, als in einer Bar in St. Anton (Arlberg) ein Amerikaner „pfiat enk“ zum Abschied sagte, das kaum noch als „Behüte euch Gott“ verständlich war. Aber immerhin, gegrüßt hat er und sich den regionalsprachlichen Gepflogenheiten angepasst, also integriert. Als ich am gleichen Tag von der Leutkircher Hütte wieder nach St. Anton abstieg, begegnete ich mehreren Wanderern, die den Gruß gar nicht mehr erwiderten. Schade eigentlich – kein Blick, kein Wort, einfach aneinander vorbeigehen. Vielleicht haben sie mein „Griaß Gott“ auch einfach nicht verstanden.