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Zu den Quellen

Auf Kindheitspfaden war ich im Unteren Stadtwald in Leutkirch unterwegs. Mein Ziel: die Sieben Brünnen. Viele Sonntagsspaziergänge führten zu dieser Quelle. Noch heute erinnere ich mich an den Hauch von Abenteuer bei diesen Wanderungen. An der Quelle angekommen, stellte ich mir jetzt die Frage, welche sieben Quellen meinen Lebensfluss speisen. Im Hebräischen Kulturraum ist die Zahl „sieben“ das Symbol für die irdische Vollendung. Zwei oder drei Quellen reichen wohl nicht aus, um ein Leben mit Lebenswasser zu speisen. Sieben Brünnen für das eigene Leben zu entdecken – was für ein prickelndes Abenteuer!

Weitergehen

In der digitalen Welt denkt der Mensch die Zeit linear. In meinem Leben jedoch erfahre ich Zeit meist kreisförmig. Auch wenn jeder Augenblick radikal neu ist, vergegenwärtigt er doch frühere Erfahrungen, erinnert Gefühle, Hoffnungen und Ängste. So scheint im neuen Augenblick immer auch das schon Erlebte auf. Dieses nicht zu vergessen und doch offen zu bleiben für das Neue, ist ein gutes Stück Lebenskompetenz. Dass dieses sich windende und wandelnde Leben einen letzten Halt, eine Mitte, um die es sich dreht, besitzt, erfahre ich im Symbol des Labyrinthes. Dieser letzte Ankerpunkt gibt mir die Kraft , den Wandel zu akzeptieren, Abschied zu nehmen und immer wieder neu zu beginnen.

Wachsen lassen

Der Winter hat sich nun auch im Allgäu in die höheren Lagen zurückgezogen. Da erwacht die Natur und treibt ganz vorsichtig erste Apfelknospen aus. Es ist für mich jedes Jahr aufs Neue faszinierend, wie die Natur ihren eigenen Takt und ihr eigenes Tempo vorgibt. Sie lässt es wachsen. Auf den eigenen Takt und die eigene Zeit zu achten, könnte auch den Menschen helfen, ihr Leben wachsen zu lassen.

Winterfreuden

Dass der Winter durchaus seine beschwerlichen Seiten hat, das lässt sich nicht leugnen. Doch über die Klage von Schnee, Kälte und Eis verliert der eine oder die andere doch allzuleicht die freudige Seite des Winters aus dem Blick. Gerade wenn ich auf Loipen mit meinen Langlaufskiern unterwegs bin, treffe ich meist auf freundlich grüßende Menschen, denen die Winterfreude aus den Gesichtern blitzt. Hie und da sehe ich im Schnee tobende Kinder, deren Winterfreude in ihrem Lachen nach außen dringt. Und wenn ich in mich hineinschaue, ganz tief, dann spüre ich da diese Winterfreude in mir, ein mit mir selbst eins sein, Winterfriede.

Perspektivenwechsel

Manchmal kann man mit seinen Sichtweisen ganz schön eingefahren sein. Der Blick auf den eigenen Lebensalltag ist einem ja auch nur allzu vertraut. Ich sehe meine Stadt, meine Arbeit, meine Mitmenschen und mich ja immer aus derselben Perspektive – bei mir aus einer Augenhöhe von circa 165 Zentimetern. Eine Fahrt mit dem Riesenrad auf einem der Herbstmärkte bietet sich da an, um einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Was aus 165 Zentimeter Höhe riesengroß ist, ist aus 35 Metern Höhe zwar nicht verschwunden, aber durchaus in einer anderen Relation zu mir. Wenn es mir gelingt, Sichtweisen zu verändern, durch größeren Abstand, genaueres Hinsehen oder auch durch besseres Verstehen, dann kann sich auch der Blick auf den eigenen Lebensalltag wandeln. Dann wären die 5 Euro für das Riesenrad gut investiertes Geld.

Sonnenuntergang

Sonnenuntergänge faszinieren wohl nicht nur mich. Sei es am Bodensee, in den Alpen, am Meer, überalle treffe ich auf Menschen, die sich vom Sonnenuntergang in Bewunderung versetzen lassen. Die einen richten ihre Kameras auf das Naturschauspiel, andere betrachten es ganz still.
Eine neue, genussvolle Qualität des Erlebens habe ich in Namibia kennengelernt. Seitdem ist der Sonnenuntergang für mich nicht nur ein zauberhaftes Ereignis im Tagesverlauf, sondern auch eine Zeit zum Innehalten, zum Genießen und zum Zusammensein, ein Moment, in dem etwas Stille einkehrt, an dem ich wohlwollend auf den Tag zurückblicken kann. Und manchmal spüre ich genau dann etwas von Verbundenheit – mit der Schöpfung, mit anderen Menschen, mit mir, und dann und wann sogar Verbundenheit mit dem großen Ganzen.

Fertig haben

Giovanni Trappatoni, der Ex-Trainer des FC Bayern München, beendete mit „Ich habe fertig“ eine der legendärsten Sport-Presskonferenzen. Manchmal hätte ich auch ganz gerne fertig, könnte etwas als erledigt markieren und dann einfach Zeit für anderes haben.
Fertig haben heißt ja nicht fertig sein oder gar mit seinem Latein am Ende zu sein. In fertig haben schwingt für mich ein Stück Zufriedenheit mit: Ich habe etwas zu Ende gebracht, das kann jetzt weiterwirken, ich darf mich im Moment des „Fertig-Habens“ mal gemütlich zurücklehnen und den Augenblick auskosten.
Nur wenn etwas an sein Ende kommt, kann Neues entstehen.

Das war schon immer so

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Foto: Ansgar Krimmer

„Das war schon immer so“ – diesen Satz habe ich in meiner Berufslaufbahn als Pastoralreferent schon des öfteren gehört. Oder: Das hat es ja noch nie gegeben! Was Neues zu spielen heißt auch, gegen den Strom zu schwimmen. Oder: Sich in neue Räume vorzutasten. Solche Bewegung bringt Kreativität und Entwicklung. Das ist jedoch nur möglich, wenn ich in meinem Leben Veränderungen zulasse. Schöpfung hat genau damit zu tun – Wandel, damit Neues entstehen kann.

Umkehr

Jetzt musste ich binnen acht Tagen schon zum zweiten Mal eine Skitour abbrechen und umkehren. Das erste Mal war es ein Schneesturm und steigende Lawinengefahr, die zur Umkehr mahnten, jetzt war es Nebel. Keine Sicht, keine Kontur und dann auch noch alleine unterwegs – da siegte die Vernunft. Ich zog die Felle von den Skiern und hatte eine genussvolle Abfahrt.
Umkehr – das ist auch das Thema der Fastenzeit, die kurz nach meiner ersten Umkehr begonnen hat. Ich meine, es geht da nicht so sehr um Verzicht, auch wenn ich jetzt schon viele Leute wieder reden höre, was sie alles nicht mehr essen und trinken. Umkehr heißt im Griechischen Metanoia – und das meint „den Sinn ändern“.
Ich habe bei beiden Skitouren meinen Sinn geändert, das ursprüngliche Ziel aufgegeben, darauf auch verzichtet, dann aber einen anderen Blick, eine neue Perspektive eingenommen, die in erster Linie etwas mit dem Heilsein meines Lebens zu tun hatte. Ich bin jeweils gut im Tal angekommen und hatte in den Tiefschneehängen einen großen Genuss.

The inner cave

Im Frankfurter Städel hängt dieses Bild von Olafur Eliasson. Es trägt den Titel: The inner cave – 36 parts. Ich habe mich vor dieses Kunstwerk gestellt und es fotografiert, einfach mit meinem Smartphone, ohne jede Bearbeitung und Optimierung. Erst dachte ich, na ja, nicht gerade gelungen. Auf den zweiten Blick entdeckte ich mich mitten im Bild. Da stehe ich im Bild mit all meinen Persönlichkeitsanteilen, schaue in meine innere Höhle. Und ich verstehe dieses Bild und mich viel besser, seit ich eine Fortbildung besucht habe, bei der es um innere Persönlichkeitsanteile ging, the inner familiy system nach Richard Schwartz. Es ist für mich richtig spannend, meine Persönlichkeit mehr und mehr zu entdecken, auf Forschungsreise in mein Selbst zu gehen und dann, immer wieder, manchmal vielleicht nur für einen kurzen Moment, wahrzunehmen, wer ich in meinem Kern wirklich bin. Dann stehe ich mitten im Bild, in dem von Eliasson und noch vielmehr in meinem ganz eigenen.